Proben während der Corona-Pandemie? Na klar – mit Jamulus!

Wir befinden uns im Jahr 2021 n. Chr. und durch die Corona-Pandemie ist die Probenarbeit fast aller Orchester zum Erliegen gekommen. Aller Orchester? Nein! Ein paar unbeugsame Zupfer hören nicht auf, dem Corona-Virus Widerstand zu leisten und finden Alternativen…

Der obige Text kommt vielen Asterix-Fans sicher bekannt vor. Und so, wie die tapferen Gallier ihren Kampf gegen die Römer nicht aufgeben wollen, stemmen wir uns mit aller Kraft und vielen neuen Ideen gegen das Corona-Virus und dessen Einfluss auf unsere musikalische Arbeit.

Natürlich sind die Kontaktmöglichkeiten immer noch sehr beschränkt, oder die räumlichen Voraussetzungen aufgrund fehlender oder zu teurer großer Räume nicht – oder nur sehr schwer – umzusetzen.

Warum also nicht ein anderes Format für gemeinsame Proben ausprobieren?

Als Ersatz für persönliche Treffen haben sich Video-Konferenzsysteme wie Zoom, Teams, Jitsi, BigBlueButton usw. längst durchgesetzt. Anfangs begegneten viele diesen Systemen mit einer gewissen Skepsis, taten sich etwas schwer mit den technischen Voraussetzungen, also die Einrichtung/Nutzung am PC, Mac, Tablet oder Handy und Einstellungen für die Nutzung von Kamera und Mikrofon.

Die Mühen haben sich aber gelohnt: darüber sind viele virtuelle Treffen auch in größeren Gruppen mittlerweile selbstverständlich geworden.

Kann man so etwas nicht auch für das gemeinsame Musizieren verwenden?

Klare Antwort: JEIN. 😉

Was passiert da eigentlich?

Das eigene Gerät nimmt zunächst das Bild und den Ton auf und übersetzt dies in ein für den Computer verständliches Format. Dann erfolgt über das Internet die Übertragung zum Konferenz-Server (Zoom, …). Der mischt die Daten aller Teilnehmer zusammen und schickt das Ergebnis wieder über das Internet zu den Teilnehmern zurück. Deren Geräte übersetzen die erhaltenden Daten dann wieder zurück in Bild und Ton. Das alles dauert natürlich etwas. Bei sehr schnellen Computern und Internet-Verbindungen sind das vielleicht nur 50-200 Millisekunden, aber es kann auch schon mal bis zu einer Sekunde dauern. Die gesamten Verzögerungen zwischen der Aufnahme auf der einen Seite und der Wiedergabe auf der anderen Seite nennt man Latenz. Darin enthalten ist auch die Dauer, die die reine Übertragung der Daten vom eigenen Gerät bis zum Server benötigt. Diese wird als Ping-Zeit bezeichnet und ist eine eine Kenngröße für die Erreichbarkeit des Servers.

Warum dauert das eigentlich alles so lange?

Das liegt hauptsächlich an der komplexen Umsetzung der Bilder bzw. des Videos und der nicht für diesen Einsatzzweck (gleichzeitiges Reden vieler Teilnehmer) optimierten Systeme.

Ein gemeinsames Musizieren, bei dem man sich gegenseitig hören kann, ist so also nicht möglich. Durch die Latenzen hört jeder Teilnehmer die anderen zeitlich versetzt und es kommt zum totalen Durcheinander.

Daher kann man hier darauf zurückgreifen, dass nur einer seinen Ton zu allen anderen überträgt und die anderen MitspielerInnen sich stumm schalten. Dann kann man zumindest zu einer führenden Stimme mitspielen. Immerhin schon besser als nichts, aber es fehlt der Klang der anderen MitspielerInnen.

Genau hier kommt Jamulus ins Spiel!

Jamulus ist ein System, dass nur Ton überträgt und dafür entwickelt wurde, das viele Musiker gemeinsam musizieren können und sich auch gegenseitig hören können.

Damit haben auch schon große Ensembles mit 100 Musikern gemeinsam musiziert!

Zudem bietet Jamulus eine einfache Chat-Funktion an. Darüber kann man sich austauschen, falls es einmal zu Störungen bei der Ton-Übertragung kommen sollte.

Was ist das eigentlich für ein komischer Name? Vielleicht einfach eine Kombination von jammen (gemeinsam Musik machen) und cumulus cloud (Kumuluswolke). Das bezeichnet die Arbeitsweise von Jamulus nämlich sehr gut: man macht über die Cloud (Wolke; hier als Synonym für das Internet) gemeinsam Musik. 🙂

Bei Jamulus schicken alle Teilnehmer einer Session nur ihre eigenen Audio-Daten (Ton) an den Server. Dabei geben sie auch an, wie der Ton der anderen Teilnehmer für sie selbst zusammengestellt werden soll. Es werden also Lautstärke, Stummschaltung etc. für jeden einzelnen Teilnehmer individuell auf dem Server zusammengestellt und dann zurückgeschickt. Damit reduziert sich die zu übertragende Datenmenge enorm und die Latenzen können deutlich verringert werden.

Zudem ist Jamulus völlig kostenlos und für PC/Notebook (Windows), Mac und Linux verfügbar. Auch für Android-Geräte (Tablets/SmartPhones) gibt es bereits eine experimentelle Version bzw. App. Auf einem SmartPhone ist die Bedienung aufgrund der geringen Display-Größe allerdings etwas knifflig. Nur für iPads und iPhones gibt es noch keine Unterstützung in Form einer speziellen App, doch auch dafür haben wir unten eine Lösung beschrieben!

Eine Beschreibung von Jamulus und die erforderliche Software gibt es unter diesem Link. Nach der Installation sollte man sich unter diesem Link mit Jamulus ein wenig vertraut machen. Die vollständige (aktuell nur englischsprachige) Anleitung findet man unter diesem Link.

Was ist bei der Verwendung von Jamulus zu beachten?

Man muss alles versuchen, um die Latenzen so gering wie irgend möglich zu halten. Daher sollte man – sofern möglich – auf alles „Drahtlose“ verzichten:

  • Das wichtigste ist eine möglichst schnelle Internet-Verbindung. Die tatsächliche Geschwindigkeit der eigenen Internet-Verbindung kann z.B. mit der Breitbandmessung der Bundesnetzagentur im Browser ermittelt werden. Die dort ermittelte Laufzeit ist identisch mit der oben erläuterten Ping-Zeit.
  • Durch die Verwendung von WLAN treten fast immer spürbare Latenzen auf. Diese hängen aber sehr stark vom jeweiligen WLAN und dem Zusammenspiel des eigenen Gerätes und seiner eingebauten WLAN-Hardware ab.
  • Als Grundregel kann man aber festhalten: idealerweise sein Gerät nicht per WLAN, sondern direkt mit einem Kabel am DSL-Router anschließen.
  • Wo dies nicht möglich ist, aber ein sehr schnelles und stabiles WLAN verfügbar ist, lohnt aber durchaus auch ein Test über WLAN.
  • Sofern das eigene Gerät (wie z.B. ein Android-Tablet) nur einen neuen USB C- oder einen älteren USB A-Anschluss aber keinen RJ45-Anschluss für ein Netzwerkkabel besitzt, können preiswerte Adapter wie ein USB C zu RJ45-Adapter oder ein USB C zu USB A-Adapter in Verbindung mit einem USB A zu RJ45-Adapter helfen, durch die eine deutlich schnellere und stabilere Netzwerkverbindung hergestellt werden kann:
  • Mit der Verwendung eines solchen Adapters und eines Netzwerkkabels konnte in einem eigenen Test mit einem Samsung Galaxy Tab S6 Lite die Latenz von ca. 120-135 Millisekunden über WLAN auf nur 36 Millisekunden reduziert werden. Diese über WLAN ermittelte Latenz ist für ein gemeinsames Musizieren viel zu hoch. Die über das Netzwerkkabel (LAN) ermittelte Latenz ist dafür hingegen sehr gut geeignet.
  • Mit einem SmartPhone Samsung Galaxy S20 im gleichen WLAN konnte hingegen eine sehr gute Latenz von unter 40 Millisekunden erreicht werden, so dass die oben genannte sehr hohe Latenz hier nicht auf das WLAN sondern auf das Tablet und die darin einbaute langsame WLAN-Hardware zurückzuführen ist.
  • Auf keinen Fall Lautsprecher verwenden, sondern immer Ohrhörer oder Kopfhörer. Ansonsten kommt es zu Rückkopplungen (lautes Pfeifen/Brummen) oder störende Echo-Effekte. Das eigene Mikrofon nimmt dabei die Töne aus dem Lautsprecher wieder auf und spielt diese zurück.
  • Keine drahtlosen Kopfhörer verwenden, sondern besser direkt per Kabel am Gerät angeschlossene Modelle. Auch die drahtlosen Kopfhörer tragen stark zur Erhöhung der Latenz bei.
  • Man kann zunächst mit einfachen und sehr günstigen Ohrhörern/Kopfhörern beginnen, die vielleicht dem eigenen SmartPhone beilagen.
  • Alternativ kann man auch höherwertige Kopfhörer wie z.B. den ohrumschließenden Sennheiser HD-300 Pro verwenden:
Sennheiser HD-300 Pro
Sennheiser HD-300 Pro
  • Sofern man zu zweit gemeinsam Jamulus verwenden möchte, kann ein einfacher Y-Adapter den Anschluss von 2 Ohrhörern/Kopfhörern am eigenen Gerät ermöglichen:
Y-Adapter für Kopfhörer
Y-Adapter für Kopfhörer
  • Sofern das eigene Gerät nur einen neuen USB C-Anschluss, aber keinen Kopfhörer-Anschluss mehr besitzt, kann ein USB C-Kopfhörer-Adapter helfen.
  • Diese gibt es in sehr vielen verschiedenen Ausführungen, mit und ohne zusätzliche Lademöglichkeit für das Gerät und auch in vielen verschiedenen Preisklassen:
USB C-Kopfhörer-Adapter mit zusätzlicher Lademöglichkeit

  • Sofern möglich, nicht das Mikrofon und den Kopfhörer-Ausgang des Geräts (PC/Notebook, Mac, …) nutzen, da die oftmals viel zu langsam sind. Dafür gibt es optimierte externe Geräte: die sogenannten Audio-Interfaces.
  • Diese werden über USB an das eigene Gerät angeschlossen und bieten Anschlüsse für ein separates Mikrofon und einen Kopfhörer. Dann entfällt natürlich die Verwendung eines oben beschriebenen USB-Kopfhörer-Adapters.
  • Ob ein Audio-Interface über USB 2 (meistens schwarze Buchsen) oder USB 3 (meistens blaue Buchsen) angeschlossen wird, spielt keine Rolle. Die Datenmenge ist so gering, dass die Verwendung eines USB 3-Anschlusses hier keine Vorteile bringt.
  • Eine Liste von mit Jamulus kompatiblen Audio-Interfaces gibt es unter diesem Link. Wenn ein Audio-Interface hier nicht aufgeführt ist, bedeutet dies aber erst mal gar nichts. Dann gilt: ausprobieren!
  • Das Wichtigste: immer wieder ausprobieren und bei anfänglichen Problemen nicht entmutigen lassen. Die Entwicklung von Jamulus geht immer weiter und das Programm wird immer besser. Wo es Hilfe gibt, ist am Ende dieser Seite beschrieben.

Welche Audio-Interfaces können empfohlen werden?

Disclaimer: hier werden keine verbindlichen Empfehlungen oder Funktions-Garantien gegeben, sondern ausschließlich eigene Erfahrungen berichtet.

Eigene Tests unter Windows 10 für die einfache Teilnahme an einer Jamulus-Session konnten mit dem preiswerten Handy-Recorder Zoom H2N und seinem Vorgänger Zoom H2 durchgeführt werden. Diese Geräte sind bei vielen Zupfern bekannt oder bereits vorhanden, die schon mal eine eigene Aufnahme erstellt haben.

Das sehr vielversprechende und auch sehr preiswerte Zoom H1N konnte bislang leider noch nicht getestet werden.

Diese Geräte sind kleine Universal-Genies mit sehr guten eingebauten Mikrofonen, Kopfhörer-Anschluss und einfacher Bedienung. Gerade die eingebauten Mikrofone erweisen sich hier als Vorteil, da nicht noch zusätzlich externe Mikrofone, Halter und Kabel erforderlich sind. Die Geräte bieten zudem die Möglichkeit für sehr gute Tonaufnahmen auf SD-Karten.

Wenn man sich solch ein Gerät zulegen möchte, lohnt eine Suche bei großen Versandhändlern wie Thomann oder Music Store, die sich auf Musiker-Euipment spezialisiert haben. Die Geräte werden dort oftmals deutlich günstiger angeboten als z.B. bei eBay oder Amazon.

Zusätzlich sollten auch die weiter unten aufgeführten Latenz-Messwerte einiger bekannter Audio-Interfaces beachtet werden. Je nach verfügbarem Budget sollte ein Gerät mit möglichst geringer Latenz gewählt werden, was aber auch in der Bedienung nicht zu komplex ist.

Die Firma Zoom, als Hersteller von hochwertigen Audio-Geräten hat übrigens trotz Namensgleichheit nichts mit dem Hersteller des Video-Konferenzsystem Zoom zu tun 😉

Einige Hersteller bieten für ihre Audio-Interfaces eigene Treiber an. Diese können weitere Optimierung enthalten oder zusätzliche Funktionen bereitstellen. Alternativ kann oftmals der „Universal-Treiber“ ASIO4ALL verwendet werden. Es lohnt sich, beide Möglichkeiten auszuprobieren, um zu sehen, womit man selber die besten Ergebnisse erzielt. Manchmal ist der Universal-Treiber durchaus besser bzw. schneller als der des Herstellers.

Der Begriff ASIO taucht im Umfeld von Jamulus übrigens sehr oft auf. Dies bedeutet einfach Audio Stream Input/Output und ist ein Protokoll für die Übertragung von Ton-/Audio-Daten.

Welche Audio-Interfaces werden von anderen Zupfern erfolgreich eingesetzt?

Disclaimer: auch hier werden keine verbindlichen Empfehlungen oder Funktions-Garantien gegeben, sondern von Erfahrungen befreundeter Zupfer berichtet.

Eine interessante Variante für die Teilnahme an Jamulus-Sessions kann die Verwendung einer sehr preiswerten externen Sound-Karte wie z.B. die Tonysa Computer Live V8-Soundkarte oder die Dpofirs Professionelle Externe Soundkarte sein. Diese Geräte sind schon für knapp 25 € erhältlich und erfordern lediglich noch ein passendes externes Mikrofon:

Für gehobenere Ansprüche wird gerne das Focusrite Scarlett 2i2 3rd Gen oder das Steinberg UR22C eingesetzt. Diese sind teilweise auch als Bundle mit Mikrofon, Kopfhörer und allen erforderlichen Kabeln erhältlich:

Sieht Jamulus auf allen Geräten gleich aus?

Fast! Bei dem Einsatz von Jamulus auf Geräten mit Windows oder auf einem Mac gibt es ein paar kleine Unterschiede. Diese zu kennen kann hilfreich sein, wenn man anderen Teilnehmern Hilfestellungen für die Bedienung oder für die Einstellungen geben möchte.

Unter Windows können z.B. die Fenster für das Programm, die Einstellungen usw. nebeneinander oder übereinander angeordnet werden:

Jamulus: Ansicht unter Windows
Jamulus: Ansicht unter Windows

Auf einem Mac hingegen ist die Menüzeile ganz oben (File, View, Edit, Help) und die einzelnen „Fenster“ werden hier als Registerkarten (Settings, Chat, Jamulus) dargestellt:

Jamulus: Ansicht unter macOS
Jamulus: Ansicht unter macOS

Auf einem Android-Gerät hingegen stehen einige Funktionen nur über das Menü rechts oben in der Ecke zur Verfügung und aus den Einstellungen etc. kommt man über den Zurück-Schalter wieder zum Hauptfenster:

Jamulus: Ansicht unter Android
Jamulus: Ansicht unter Android

Die Verwendung eines externen Audio-Interfaces scheint damit auch nicht möglich zu sein, so dass man hier auf das eingebaute Mikrofon und einen Kopfhörer angewiesen ist

Und wenn Jamulus nicht verwendet werden kann?

Jetzt kann es aber passieren, dass man Jamulus nicht nutzen kann, weil nur ein iPad oder iPhone zur Verfügung steht, die eigene Hardware oder das Audio-Interface einfach nicht mitspielen wollen, …

Was dann? In diesem Fall können wir den Ton und ggfs. ein Video von einer Jamulus-Probe auch über Zoom oder einem YouTube-Stream bereitstellen. Dabei sind dann alle über Jamulus teilnehmenden SpielerInnen zu hören.

Die erforderlichen Zugangsdaten wie Meeting-ID oder YouTube-Link werden dann zuvor im Orchester bekannt gegeben.

Bereitstellung einer Jamulus-Session über Zoom – mit eigenem Layout und Einbettung des Kamera-Videos.
Bereitstellung der gleichen Jamulus-Session zusätzlich als YouTube-Stream.

Was ist für die Weiterleitung an Zoom und/oder YouTube erforderlich?

Hierfür sind die Anforderungen an ein Audio-Interface für denjenigen, der die Bereitstellung an Zoom oder über einen YouTube-Stream durchführt, schon etwas höher, sofern man nicht mit vielen Hilfsprogrammen wie VoiceMeeter, JACK usw. tricksen will.

Das betrifft also nur eine Person im Orchester, die etwas mehr Spaß an Technik, Computern und den damit verbundenen Herausforderungen hat. 😉

Bei vielen Audio-Interfaces (bzw. den zugehörigen Windows-Treibern) besteht das Problem, dass diese immer nur von einem Programm gleichzeitig verwendet werden können. Also nicht gleichzeitig von Jamulus und dem Programm für die Weiterleitung an Zoom und/oder YouTube. Manchmal fehlt auch einfach die Funktionalität, um den Ton wieder am Computer bereitzustellen.

Eigene Tests erfolgten mit dem Zoom LiveTrak L-8. Dieses Gerät wurde bereits zuvor für Aufnahmen mit mehreren Mikrofonen und als Mischpult angeschafft und ist für die hier beschriebene Aufgabe sicher überdimensioniert. Es hat sich aber als sehr gut und äußerst flexibel erwiesen:

Zoom LiveTrak L-8

Für die Bereitstellung einer Jamulus-Session über Zoom und/oder als YouTube-Stream hat sich das kostenlose Programm OBS Studio als sehr gut und relativ einfach bedienbar erwiesen.

Es gibt aber noch viele andere Möglichkeiten, Geräte, Hilfsprogramme usw. für die Bereitstellung einer Jamulus-Session auf anderen Plattformen.

Andere Zupfer konnten die Bereitstellung auf anderen Plattformen mit Hilfe der oben aufgeführten externen Sound-Karten realisieren.

Welche Regeln gibt es in einer Jamulus-Session?

So – jetzt hat man Jamulus installiert, die Einführung gelesen und möchte loslegen. Was ist noch zu beachten:

  • Jamulus ist ein offenes System, es gibt keine Zugangsbeschränkungen oder Anmeldungen.
  • Für einen Jamulus-Server kann beim Start durch seinen Administrator lediglich vorgegeben werden, wie viele Teilnehmer gleichzeitig eine Verbindung dazu herstellen dürfen.
  • Wenn man einen Jamulus-Server „findet“ und darauf noch ein Platz frei ist, kann man an der Session teilnehmen und reinhören oder mitmachen.
  • Über das Chat-Fenster von Jamulus kann mit den anderen Teilnehmern kommuniziert werden; z.B. bei Problemen mit dem Ton.
  • Im Chat-Fenster können aber nach dem Herstellen der Verbindung auch Hinweise/Regeln zur Nutzung dieses Servers angezeigt werden. Die sollten natürlich beachtet werden!
  • Wenn man seinen Kopfhörer am eigenen Audio-Interface angeschlossen hat, kann es vorkommen, dass man sich selbst als Echo hört. Dies liegt dann daran, dass man über sein Audio-Interface einerseits die eigene „Aufnahme“ (das wird oft als Direct Monitoring bezeichnet) hört und mit einer geringen Verzögerung auch diese über Jamulus zurückgespielte Aufnahme im Mix mit den anderen Teilnehmern. In diesem Fall kann man einfach in Jamulus seine eigene Lautstärke herunterregeln.
  • Selbstverständlich sollte man laufende Sessions nicht stören und sich selbst in Jamulus vor dem Herstellen einer Verbindung erst einmal stumm schalten.
  • Die Aufnahme einer Session ohne explizites Einverständnis aller anderen Teilnehmer geht natürlich gar nicht!

Öffentliche und private Server

  • Bevor man eine „Probe“ über einen öffentlichen Server durchführt, sollte man sich aber der rechtlichen Aspekte bewusst sein: dies könnte schon GEMA-pflichtig sein!
  • Neben vielen „öffentlichen“ Servern, die allen Teilnehmern weltweit angeboten werden, gibt es auch „private“ Server, die nur bei Kenntnis ihrer Namen verwendet werden können. Ansonsten gelten darauf aber die gleichen Regeln.
  • Einen eigenen „privaten“ oder „öffentlichen“ Server kann man sehr leicht selbst aufsetzen bzw. einfach starten. Dazu eignet sich das eigene Gerät (PC/Notebook/Mac), ein separater Server im Haus oder ein bei einem Provider angemieteter Server. Auch dazu ist auf der Jamulus-Webseite alles Relevante beschrieben.
  • Einige Anbieter wie melomax bieten auch direkt das stundenweise Mieten von „fertigen“ Jamulus-Servern an.
  • Für ungestörte und nicht-öffentliche Proben im eigenen Orchester steht ein privater Jamulus-Server zur Verfügung, dessen Name (oder Adresse) unten rechts im Verbindungs-Dialog einzugeben ist und den SpielerInnen des Orchesters bekannt ist.
  • Hierzu wird der Jamulus-Server auf einem NAS von Synology in einem Docker-Container betrieben, was ebenfalls sehr schnell einzurichten ist.

Wo bekommt man weitere Informationen zu Jamulus?

Im Internet gibt es sehr viel Informationen zu Jamulus, die man per Google oder über die Jamulus-Webseite findet.

Auch unter Facebook gibt es eine sehr aktive Jamulus-Gruppe, in der sehr viele Details besprochen und Lösungen für alle möglichen Probleme gefunden werden.

Eine gute und recht ausführliche Beschreibung gibt es auch unter diesem Link. Diese geht allerdings im Verlauf des Artikels immer mehr auf weitere Details und die Technik ein; Schritt 1 und vielleicht noch Teile von Schritt 2 sind da für den Anfang völlig ausreichend.

Bei Fragen, Problemen, Hilfe bei der Einrichtung oder gerne auch für Tests kommt bitte gerne auf mich (Robert Draken) zu. Ich helfe hier gerne weiter, sofern es die Zeit und meine Möglichkeiten erlauben. Alles rund um das Thema „Audio-Aufnahmen mit Jamulus“, „Detailanpassungen über Unix/Linux-Kommandozeile“ oder „Kombinationen mit DAWs“ gehören z.B. nicht zu meinen Interessen. Da ist man in der Jamulus-Gruppe bei Facebook sicherlich besser aufgehoben.

Die SpielerInnen im eigenen Orchester haben ja die Kontaktdaten und andere können sich gerne über das Kontaktformular melden.

Am einfachsten ist eine Unterstützung möglich, wenn dazu aus der Entfernung auf das eigene Gerät zugegriffen werden kann oder zumindest gesehen werden kann, was da passiert. Dazu bieten sich für den privaten Gebrauch kostenlose Hilfsprogramme wie TeamViewer oder VNC Server an, die für alle gängigen Betriebssysteme verfügbar sind. Ggfs. geht dies auch über eine Bildschirmfreigabe über ein Video-Konferenzsystem wie z.B. Zoom.

Wie geht es jetzt weiter?

Ganz einfach: Jamulus installieren, einlesen, ausprobieren, fragen – und loslegen!

Tipps & Tricks

Sortierung der Teilnehmer

Wenn mehrere Spieler an einer Jamulus-Session teilnehmen, kann die Teilnehmerliste schnell unübersichtlich werden. Im Hauptfenster wird jeder Teilnehmer als einzelner Kanal mit eigenem Regler für die Lautstärke (Fader) dargestellt. Um ein wenig Ordnung zu erhalten, kann unter dem Menüpunkt Bearbeiten eine Sortierung der Kanäle gewählt werden:

  • Keine Kanalsortierung
  • Sortierung nach dem Namen
  • Sortierung nach dem Instrument
  • Sortierung nach der Gruppe
  • Sortierung nach der Stadt

Nehmen wir einmal an, dass wir ein kleines Ensemble in dieser Besetzung haben, die vom Dirigenten aus gesehen „normalerweise“ von links nach rechts in dieser Reihenfolge sitzen:

  • Mandoline 1: Willi
  • Mandoline 2: Robert
  • Mandola: Elke
  • Gitarre: Kerstin
  • Bass: Uli

Wenn nun keine Kanalsortierung gewählt ist, werden die Teilnehmer einfach nach der Reihenfolge ihrer Verbindung angezeigt:

Jamulus: ohne Sortierung
Jamulus: ohne Sortierung

Man kann die Teilnehmer nun Gruppen zuweisen und danach sortieren. Wenn man dann einen Lautstärkeregler verändert, wird dies direkt für alle Mitglieder dieser Gruppe durchgeführt – sehr praktisch. Allerdings stehen nur 4 Gruppen zur Verfügung und diese können über die Oberfläche auch nicht erweitert oder umbenannt werden:

Jamulus: Sortierung nach Gruppe
Jamulus: Sortierung nach Gruppe

Am flexibelsten ist hier die Sortierung nach der Stadt: jeder Teilnehmer kann die Stadt in seinem Profil als Text beliebig eintragen. So kann man einfach die Teilnehmer in der gewünschten Reihenfolge durchnummerieren und die gewünschte Sortierung sehr einfach erreichen:

Jamulus: Sortierung nach Stadt
Jamulus: Sortierung nach Stadt

Tipp: bei der Sortierung beachten, dass hier nach Text sortiert wird. Damit werden zwar Zahlen von 0…9 „richtig“ sortiert, die 10 aber nach der 1 einsortiert. Daher ggfs. einfach führende Nullen verwenden, also 01, … 09, 10, 11, …

Besonders interessant wird die richtige Sortierung, wenn von allen in den Einstellungen unter Audiokanäle der Wert Stereo verwendet wird: dann kann man über die Panorama-Regler (PAN) oberhalb der Lautstärkeregler, die einzelnen Stimmen im Stereo-Feld etwas weiter links oder rechts einordnen und so einen Raumklang (fast) wie im Orchester erreichen:

Jamulus: Panorama-Anpassung der Kanäle
Jamulus: Panorama-Anpassung der Kanäle

Verwendung von Stereo-/Panorama-Einstellungen

Im vorherigen Absatz wurden bereits die Stereo-Einstellungen und die Panorama-Regler beschrieben. Damit dies auch funktioniert, müssen aber einige Bedingungen erfüllt sein:

  • Die Teilnehmer haben an ihrem Audio-Interface eine neutrale Stereo-/Panorama-Position (mittig) ausgewählt. Wenn dort z.B. die Aufnahme bzw. Ausgabe ausschließlich über den linken Stereo-Kanal erfolgt können andere Teilnehmer diesen Spieler bei Zuweisung in den rechten Stereo-Kanal über die Panorama-Regler in Jamulus nicht mehr hören.
  • Gleiches gilt für den Panorama-Regler der eigenen Aufnahme in Jamulus: der Pan-Schieberegler rechts neben dem eigenen Eingangs-Signal sollte wie in den obigen Bildern auf der mittleren Position stehen.

Aber auch wenn diese Bedingungen alle erfüllt sind, kann es vorkommen, dass nicht das gewünschte Ergebnis erreicht wird, da es eventuell noch andere Fehlerquellen gibt.

Kein Ton bei Verwendung des Audio-Interfaces Zoom H2N

Bei Verwendung des Audio-Interfaces Zoom H2N kann es vorkommen, dass man am Gerät selber keinen Ton hört.

In diesem Fall sollten (unter Windows 10) die folgenden Punkte überprüft werden:

  • Verwendung des aktuellen Treibers: Stereo ASIO Driver
  • ASIO-Geräte-Einstellungen / ASIO-Settings: die Buffer Size zunächst auf den geringsten Wert setzen und dann schrittweise erhöhen. Bei 192 Samples sollte in der Regel der Ton zu hören sein.
  • Kontrollieren, ob unter ASIO-Geräte-Einstellungen / Zoom H and F Series Audio die Sample Rate auf 48000 Hz steht.
Jamulus: Einstellungen für Zoom H2N
Jamulus: Einstellungen für Zoom H2N

Messung der Latenz des Audio-Interfaces

Bei der Anschaffung eines Audio-Interfaces ist neben dem Preis die durch das Gerät und dem zugehörigen ASIO-Treiber verursachte Latenz das wichtigste Auswahlkriterium. Von den Herstellern sind diese Angaben oftmals nicht erhältlich.

Man kann jedoch versuchen, diese mit dem RTL Ultility von Oblique Audio zu ermitteln:

  • ASIO-Geräte-Einstellungen / ASIO-Settings: die Buffer Size zunächst auf den geringsten Wert setzen und dann schrittweise erhöhen, bis der Ton in einer Jamulus-Session zu hören ist.
  • Das Tool starten und unter Device den ASIO-Treiber für das eigene Audio-Interface auswählen und die Active output channels/Active input channels analog zu Jamulus konfigurieren.
  • Die Sample rate sollte auf 48000 Hz und die Audio buffer size auf den zuvor eingestellten Wert.
  • Die Messung wird dann über Measure RTL gestartet.

Bei dem selbst verwendeten Zoom LiveTrak L-8 sieht das dann z.B. so aus:

"RTL Utility" von Oblique Audio zur Latenz-Messung
„RTL Utility“ von Oblique Audio zur Latenz-Messung

Latenz-Messwerte

Mit dem oben vorgestellten Tool konnten bislang diese Messwerte bei einer Sample rate von 48000 Hz ermittelt werden:

Audio-InterfacePreisBuffer sizeLatenz
Zoom LiveTrak L-8389€24 samples5 ms
Focusrite Scarlett 2i2 3rd Gen (Bundle)249€128 samples12 ms
Zoom H2N145€192 samples31 ms
Prodipe Studio 22 USB89€512 samples44 ms
Übersicht über Messwerte von Audio-Interfaces (Preis zum Stand April 2021)

Wie kann ich einen eigenen Server betreiben?

Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Am einfachsten dürfte dies über einen kommerziellen Anbieter wie melomax sein, der direkt das stundenweise Mieten von „fertigen“ Jamulus-Servern sehr günstig anbietet.
  • Ansonsten sollte zunächst der Artikel Running a Server der offiziellen Jamulus-Dokumentation gelesen werden und der Unterschied zwischen den Server Types bekannt sein.
  • Wenn man auf seinem Windows-PC einen eigenen Server starten will, kann dies über den bei der Jamulus-Installation erfolgten Eintrag im Startmenü erfolgen:
Jamulus Server
  • Für die Installation eines Jamulus-Servers auf einem Server in der Amazon-Cloud (AWS) gibt es auf Facebook eine sehr ausführliche Anleitung, die aber nur für technisch sehr versierte Anwender geeignet ist und selber nicht ausprobiert wurde.
  • Wenn man selber bereits z.B. ein NAS von Synology im Einsatz hat, das den Betrieb von Docker-Containern erlaubt, kann auch darüber auch sehr einfach das Docker-Image grundic/jamulus verwendet werden. Darüber kann sowohl ein privater als auch ein öffentlicher Server betrieben werden. Diese Variante kommt für die Verwendung im eigenen Orchester zum Einsatz. Details dazu gerne auf Anfrage über das Kontaktformular.
  • Bestimmt gibt es auch noch zahlreiche andere Möglichkeiten…